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Gemeinde lud zum offenen Austausch ein – gut besucht in der Aula
Am 17. Dezember fand in der Aula der Mittelschule Alberschwende ein Informations- und Gesprächsabend im Rahmen der Aufarbeitung rund um Hermann Gmeiner statt. Etwa 100 Interessierte nahmen an der Veranstaltung teil, die von der Aufarbeitungsgruppe, bestehend aus Gemeindevertreter:innen organisiert wurde. Begrüßt wurden die Anwesenden von Moderatorin Heidi Winsauer, die durch den Abend führte. Sie stellte die eingeladenen Experten vor: Mag. Christian Netzer (Kinder- und Jugendanwalt), Mag. Alexander Wolf (Patientenanwalt und Mediator), Bruno Winkler (Prozessbegleiter) und Julian Ascher (Vertretung SOS-Kinderdorf Österreich).
Zu Beginn wurden die Besucher:innen eingeladen, ihre persönlichen Beweggründe für ihren Besuch auf vorbereiteten Zetteln mitzuteilen – viele machten davon Gebrauch. Die Rückmeldungen reichten von Neugierde und dem Wunsch um mehr Klarheit über eigene Betroffenheit von sexuellem Missbrauch bis hin zu Erinnerungen an persönliche Begegnungen mit Hermann Gmeiner. Die ausgefüllten Zettel wurden an einer Pinnwand befestigt, um die Vielfalt an Erfahrungen und Sichtweisen im Raum sichtbar zu machen.
Expert:innen geben Einblick und Orientierung
Im Interview mit Heidi Winsauer beleuchteten die geladenen Fachpersonen unterschiedliche Zugänge zum Thema:
Kinder- und Jugendanwalt Mag. Christian Netzer erklärte, dass viele Betroffene sexuellen Missbrauchs das Erlebte oft erst Jahrzehnte später einordnen können. Auslöser dafür seien nicht selten biografische Wendepunkte – etwa wenn man selbst Großeltern wird und sich der Blick auf Kindheit und Schutzbedürftigkeit von Kindern verändert.
Julian Ascher vom SOS-Kinderdorf Österreich betonte, dass der Schutz von Kindern oberste Priorität habe. Die Aufarbeitung sei wesentlich – auch vor dem Hintergrund, dass man sich im SOS-Kinderdorf schon länger vom Fokus auf eine einzelne Gründungsfigur lösen wolle. Ziel sei es nicht, Hermann Gmeiners Wirken zu entehren, sondern es in einen größeren Zusammenhang zu stellen und differenziert zu betrachten.
Patientenanwalt und Mediator Mag. Alexander Wolf betonte, wie stark die gemeinschaftliche Identität durch Orte, Namen und Symbole geprägt wird – etwa durch den Gemeindesaal oder die Büste in Alberschwende. In so einer kontroversen Diskussion sei ein respektvoller Umgang entscheidend. Unterschiedliche Meinungen müssten nebeneinander stehen dürfen, ohne dass daraus Spaltung entstehe: „Es geht nicht ums Gewinnen, sondern darum, wie man Unterschiede aushält.“
Prozessbegleiter Bruno Winkler warnte vor vorschnellen Lösungen und sprach sich für einen sorgfältigen, gemeinschaftlich getragenen Prozess aus. Auch die Nachfahren hätten ein Recht auf eine würdige Aufarbeitung – damit sie künftig nicht pauschal mit Schuld in Verbindung gebracht werden. Eine Zusatztafel allein sei keine Lösung. Es brauche eine klare Haltung, wie man dauerhaft mit den Spuren umgehen wolle.
Vielfältige Meinungen – gemeinsame Verantwortung
In der offenen Gesprächsrunde wurden unterschiedlichste Zugänge, Erwartungen und Gefühle deutlich. Einige Besucher:innen lobten die Veranstaltung und hoben hervor, dass es nicht selbstverständlich sei, so offen über das Thema zu sprechen. Gleichzeitig äußerten sich auch einige enttäuscht – sie hätten sich an diesem Abend bereits mehr Klarheit oder konkrete Schritte erwartet.
Die Aufarbeitungsgruppe machte deutlich, dass das primäre Ziel des Prozesses ist, eine Brücke zwischen den kontroversen Sichtweisen zu schlagen und langfristig tragbare Lösungen im Umgang mit den Spuren von Hermann Gmeiner zu finden – für alle. Es gehe ihnen aber auch um den Schutz von Kindern in der Zukunft und darum, dass sie sich ernstgenommen und sicher fühlen, wenn ihnen Unrecht widerfährt.
Weiterdenken erwünscht
Bürgermeister Klaus Sohm erklärte, dass innerhalb der Gemeindevertretung nach den Veröffentlichungen der Vorwürfe viel diskutiert wurde: „Es war uns jedoch wichtig, gut informiert an die Sache heranzugehen und keine Schnellschüsse an die Öffentlichkeit zu bringen. Deshalb haben wir diese Aufarbeitungsgruppe eingesetzt und als ersten Schritt des Prozesses diesen Gesprächsabend vorbereitet – auch mit externer Begleitung.“ Die Gemeinde lädt weiterhin dazu ein, sich einzubringen – sei es durch Rückmeldungen, persönliche Gespräche oder Mitarbeit.
Auch nach dem offiziellen Ende des Abends blieben viele Besucher:innen noch in der Aula, führten Gespräche mit den Fachpersonen und der Aufarbeitungsgruppe.
Moderatorin Heidi Winsauer im Gespräch mit Patientenanwalt und Mediator Mag. Alexander Wolf
23.12.2025 13:24